Endlich wieder ein Lebenszeichen von mir aus dem fernen Burundi.
Hier geht alles seinen gewohnten Gang und trotzdem passiert jeden Tag wieder etwas neues.
Die vergangenen Wochen sind ein paar verrückte Sachen passiert.
Eine davon geschah, als Ruth und ich auf dem Weg zur Schule, zum Deutschunterricht mit den Lehrern und danach zum Strand, waren.
Ruth trug ein leichteres Sommerkleid, das kurz über dem Knie endete und beim gehen etwas hoch rutschte (in Deutschland halt ein ganz normales Sommerkleid, noch nicht mal mini oder sonst was). Schon auf dem Weg vom Berg runter in die Stadt wurden wir ungewöhnlich offensiv angestarrt und uns wurde noch mehr als sonst zugerufen und wir haben schon angefangen uns ein bisschen zu wundern. Wir dachten dann halt, dass es daran liegt, das sie selten Mzungus in Kleidchen zu sehen bekommen.
Oben am Berg, wo noch die etwas wohlhabenderenden, gebildeteren Leute wohnen ging es noch, als wir dann aber am Markt ankamen, wo sich die ganz normale Bevölkerung in Massen tummelt, nahm die ganze Sache ungeahnte Maßnahmen an. Dort angekommen wurde das Rufen zu Geschrei das sich wellenartig über große Flächen des Marktes und der „Busbahnhofes“ ausbreitete. Die Schreienden formierten sich dann auch zu einer riesigen Menschentraube, die hinter uns her (wir waren ja auf dem Weg zum Bus nach Kajaga) rannte und Sachen brüllte. Keine netten Worte der Begeisterung, des Erstaunens oder der bloßen zur Kenntnisnahme, sondern aggressives, erbostes Geschrei. Einer der Männer die uns entgegekam setzte sich auf dem Boden und wollte Ruth unter das Kleid gucken. Jeglicher Respekt oder Anstand schien beim Anblick dieses Kleides verschwunden zu sein. Am Bus angekommen wollte der Busfahrer auch zuerst nur mich reinlassen und Ruth nicht. Zum Glück hat sein „Assistent“, der das Geld und die Leute einsammelt, Ruth schnell reingewinkt und sie durchgelassen. Im Bus hat uns dann ein Mann erklärt, dass man mit einem solchen Kleid, das kurz über den Knien endet gegen die Sitte und Tradition Burundis verstößt. Wir hätten Glück, dass wir Weiße wären und dass man früher die Kleider „solcher“ Leute zerissen hätte. Er meinte, dass es am Strand schon okay wäre so rumzulaufen und das er schon wüsste, dass es in Europa wahrscheinlich normal wäre, aber die meisten Leute hier eben nicht.
Auch haben wir jetzt noch ein neues Projekt oberhalb des Heimes auf dem Berghang angefangen. Dort steht eine sogenannte „mobile Schule“. Das heißt, dort steht eine Hütte mit zwei Räumen, aus losen Brettern und Hölzern zusammengezimmert (man kann noch durch die Hölzer rausgucken). Die Bevölkerung dort oben ist sehr arm, sie haben nur notdürftig zusammengezimmerte Verschläge improvisiert- mit Tüten, Planen, Hölzern, Blechen und was sich sonst noch so finden lies. In der Schule gab es bis vor einer Woche nur eine erste Klasse, die aber von 51 Schülern besucht wurde. Das ist natürlich viel zu viel für eine Lehrerin und eine gute Lernatmosphäre- ausserdem ist es dort so, dass das verkürzte Lernprogramm gelehrt wird- ein sogenanntes Aufholjahr, in dem die Kinder den Stoff von zwei Schuljahren in einem lernen sollen. Die Lehrerin wollte gerade Zettel verteilen, dass die Eltern die kleinen Kinder Zuhause lassen müssen, da waren wir zufällig da und waren von der Aufgewecktheit, Aufgeschlossenheit und Fröhlichkeit dieser Kinder so beeindruckt, dass wir sofort wussten: hier wollen wir was machen! So kam uns die Idee einen Kindergarten für die Kleinen einzurichten, was wir jetzt auch machen. Unterstützt werden wir dabei von einem Erzieher, was auch dringend nötig ist, weil die Kinder nur Kirundi können. Wir sind gestern das erste mal im Kindergarten gewesen um dort etwas zu machen. Mitlerweile sind dort auch schon wieder 50 Kinder angemeldet. Nichts für schwache Nerven, wenn man zu zweit vor so einem Haufen steht und denen irgendwas erklären will, obwohl man die Sprache des jeweils anderen nicht spricht….(wir wollten Boote falten). Ball spielen war auch zunächst etwas schwierig, weil die Kinder oben überhaupt kein Spielzeug besitzen und sich dann immer, wenn ein kleiner Kind den Ball zu jemand anders werfen wollte, alle hinter dem ball her, auf den Ball gestürzt hat und sich dann auf einen Haufen auf den Ball geworfen haben, da dieser etwas so besonderes für sie war. Der unterste des Haufens hatte da natürlich nicht den besten Platz mit zehn Kindern auf sich drauf ;) Naja nach einer Weile hat das mit der Hilfe des Erziehers aber einigermaßen geklappt. Die Kinder dort sind auch total offen und zutraulich und freuen sich noch an fast allem. Ich glaube sie sehen auch nicht besonders oft Mzungus, denn einige Kinder waren ganz fasziniert von meiner weißen Haut und haben sie gestreichelt und inspiziert. Ausserdem wollen mir immer viele (auch hier unten im Heim) meine Muttermale wegwischen, weil sie denken es sei Dreck oder irgendein Stich ;)
Ansonsten hatten wir in den letzten Wochen viel Kontakt mit Deutschen und Niederländern, die uns hier besucht haben.
Einmal von einer Funkertruppe, von denen eine Frau schon in Deutschland Kontakt mit uns aufgenommen hatte, da sie auf unserer Website von der Spendenaktion gelesen hatte. Wir durften sie und die ganze Truppe im Club de Vacances treffen. Dort hat die Funkertruppe ihre Antennen aufgebaut und mit der ganzen Welt gefunkt. Ein interessantes Hobby, da sie echt sehr viel in der Welt herumkommen, auch an Orte, an die sonst kein Mensch kommt („Inseln mit nur Felsen und Mövenschiss“, wie sie selbst so treffend sagten ;)) und Länder aller Welt. Wer sich näher dafür interessiert kann ja mal auf ihrer Website vorbeischauen : www.dl7df.com
Die Sabine und die Funker haben uns auch mit sehr tollen Spenden unterstützt. Vielen Lieben Dank dafür! Wir werden es hier sicher sinnvoll einsetzen und so manche Freude bereiten können.
Auch der Besuch zweier Weltenbummler war sehr interessant. Tanja und Kim, zwei Deutsche, sind vor einem Jahr mit ihrem mobilen Schlaf-Jeep in Deutschland aufgebrochen und reisen seitdem durch Afrika. Schon bis nach Burundi sind sie gekommen und wer weiß, wo ihr Weg sie noch hinführen wird. Sie haben auch eine Internetseite: www.hinter-dem-horizont.de. Euch auch vielen Dank für alles und Gute Reise!
Soweit so gut.
Den Kindern hier im Heim geht’s gut, sie gehen brav zur Schule und haben jede Menge tests zu bewältigen. Ansonsten ist hier alles beim alten.
Noch eine witzige Geschichte: Wir haben ja die Wand des Kindergartens bemalt. Unter anderem auch mit einem afrikanischen Mädchen, das auf einem Vogel über die Landschaft fliegt (haben wir aus einem afrikanischen Kinderbuch). An einem Tag nimmt mich die Kindergärtnerin (die Gewiss nicht dumm ist) beiseite und fragt mich, was das denn sei, und zeigt auf den Vogel mit dem Mädchen. Ich habe ihr dann gesagt, dass das ein Vogel ist und ein Mädchen, dass auf dem Vogel über die Landschaft fliegt. Da sagt sie ganz zögerlich: mh…ja, also sie stelle sich das ja schwer vor, sich auf einen Vogel zu setzen und dann damit zu fliegen…. Da musste ich estmal lachen und habe ihr erklärt, dass das nur eine Phyntasiegeschichte ist und das bei uns in Europa auch nicht möglich ist ;). Jaja, das magische Europa.
Des weitern habe ich gerade angefangen Gitarre zu lernen. Alain, ein sehr intelligenter Junge, mit sehr sehr gutem (wenn nicht sogar absoluten?) Gehör bringt es mir bei und ich freu mich schon drauf, vielleicht irgendwann so gut spielen zu können, wie er. Er ist auch ein sehr guter Lehrer ;)
Hier können auch voll viele Kinder total gut und sachgetreu zeichnen und sind sehr motiviert. Sowieso, wenn man mal bedenkt, dass hier viele neben ihrer eigentlichen Muttersprache Kirundi noch fliessend Französisch sprechen, zeigt das, dass die Leute hier ganz und gar nicht auf den Kopf gefallen sind. Auch neues verstehen alle immer recht schnell- schade dass man dieses Potential bei so vielen nicht fördern kann.
Tusozubira!
Kerstin
Oktober 10, 2007 at 10:15
Hallo liebe Kerstin,
vielen Dank für Deinen schönen, interessanten Bericht! Wir haben uns alle sehr sehr x 1000 …gefreut!!
Ich finde es schön,das Du die Potentiale der Menschen siehst und beschreibst und das ist ein zukunftsgerichtetes Sehen und Denken und was ihr da macht, das ist (auch) Förderung dieses Potentials – für eine gute und unabhängige Zukunft der Menschen dort. Einfach klasse!!
Pass gut auf dich auf und viel Erfolg beim Gitarre spielen.
Drück dich
Grüße von uns allen.
Oktober 14, 2007 at 12:24
na du
ich könnte mir garnicht vorstellen so eine geschichte selbst zu erleben. es ist der absolute wahnsinn wie unterschiedlich doch die moralvorstellungen in verschiedenen ländern oder auch kontinenten sein können. ich bin gespannt wie ich ein jahr im auslang meistern werde, nachdem was ich alles von dir gelesen habe wird es sicher nicht langweilig :-) lg anne
Oktober 30, 2007 at 10:55
Ich freu mich riesig, dass du anfängst von Alain zu lernen!!! Ehrlich! Einen besseren Lehrer findest du nicht :)!!
Grüß ihn herzlichst ja?! Und natürlich die anderen Jungs! Sie fehlen mir sehr- hier spiele ich kaum noch Gitarre!!
Ich drück dich, und lass es dir gut gehen!
Julia- ich denke viel an euch!